Egal was man über Hans Werner Henze auch hört oder liest, tauchen die Worte Grenzgänger und Rebell immer wieder auf. Der Wohltöner unter den zeitgenössischen Komponisten beschwört gerne den Widerspruch als Lebensformel: „Nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit“, sagt er. Zu seinem 85. Geburtstag am 1. Juli ehrt Münster den Westfalen mit einem Festival: „Henze!“ Opern, Solowerke, Kammermusik, Vorträge, Lesungen und Kinoveranstaltungen sind vom 26. Juni bis zum 10. Juli geplant.
Geschultert wird das 400 000 Euro teure und von genügenden Sponsoren mitfinanzierte Festival von den Städtischen Bühnen, dem Sinfonieorchester und der Gesellschaft für Neue Musik, es gibt Kooperationen mit der Musikhochschule, der Westfälischen Schule für Musik und der Universität. Bis zum heutigen Tage habe es keine wichtige Auseinandersetzung mit Henzes Werk in Münster gegeben, wie die Kulturdezernentin Andrea Hanke erläuterte. Schneller waren da die Nachbarn. Für den oft gespielten Komponisten war 2010 ein außergewöhnliches Jahr: Kulturhauptstadt Essen hatte ein umfangreiches Henze-Projekt auf die Beine gestellt. „Wir bieten jetzt die Ergänzung zum Ruhr-2010-Programm“, sagte Wolfgang Quetes, Generalintendant der Städtischen Bühnen, gestern bei der Pressekonferenz. Allein drei Opern sind zu hören.
Das Festival eröffnet „Die englische Katze“ am 26. Juni, eine „satirische Komödie“. Im Gewand einer Fabel soll die Gesellschaftssatire die bürgerliche Doppelmoral anprangern. Die Oper spielt im viktorianischen England: Die Katzen im Salon von Mrs. Halifax haben sich zur „Königlichen Gesellschaft für den Schutz der Ratten“ vereint und wollen künftig vegetarisch leben. Der biedere Lord Puff soll um Präsident zu werden vorher heiraten. Doch jemand anderer will die Ehe verhindern… Es inszeniert Ernö Weil, Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura dirigiert. Die zweite Oper ist eines der Zentralwerke Henzes: das politische Rezital „El Cimarrón“. Die Geschichte erzählte der kubanische Schriftsteller Miguel Barnet des geflohenen Sklaven Esteban Montejo, Hans Magnus Enzensberger machte daraus das Libretto für Henzes rhythmusbetonte Musik, zu hören am 1. Juli.
Die Märchenoper „Pollicino“ ist ein wunderschönes Gemisch aus „Der kleine Däumling“ und „Hänsel und Gretel“: Ein bitterarmes Holzfällerpaar setzt seine sieben Söhne im Wald aus. Bereits 2005 wirkte die Musikschule bei einer Inszenierung mit, damals ein Projekt der Landesmusikakademie NRW in Heek.. Die Musikschule hat sich diesesmal mit der Musikhochschule zusammen getan. Die wunderschöne Premiere ist am 9. Juli. „Es sind drei Opern, die den Komponisten jeweils in einem ganz anderen Licht zeigen“, freut sich Reinbert Evers von der Musikhochschule. Dass bei dem Festival fast alle Künstler aus der Region kommen ist ebenso super erfreulich.
„Die Ensembles vor Ort beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit Henze“, so Musikschulleiter Ulrich Rademacher. Evers widmet sich mit der Gitarre der „Royal Winter Music“. Die beiden Gitarrensonaten beschäftigen sich mit Shakespeare, Schauspieler Benjamin Kradolfer wird dazu aus Shakespeare-Stücken rezitieren. Aufregend wird gewiss auch im Sinfoniekonzert die Gegenüberstellung von Henzes achter Symphonie, die sich direkt auf Felix Mendelssohn Bartholdys Bühnenmusik zum „Sommernachtstraum“ von Shakespeare bezieht. Bei den kammermusikalischen Abenden wird das Ensemble Compania ein „Lebenslaufkonzert“ spielen, das Ensemble:Hörsinn konfrontiert die Musik Henzes mit der seiner Schüler.